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Traumhafter Blick über das Rapadelta

Die Ruhe im skandinavischen Norden

Sandro Georgi zieht es immer wieder in die Weite und Abgeschiedenheit im Norden Europas. In diesem Bericht erzählt er, was es für ihn bedeutet für längere Zeit in die Wildnis abzutauchen und was es in ihm auslöst.

Bereits im Landeanflug nach Kiruna in Nordschweden, oft spätabends bei meinen letzten Reisen, zeigt sich aus dem Flugzeugfenster im weichen Abendlicht die grosse Weite der Landschaft mit ihren riesigen Wäldern, die von Seen und Flüssen unterbrochen bis in die Ferne reichen. Kurz nach dem Aussteigen aus dem Flieger rieche ich die frische, kühle und klare Luft, die für mich so viele Erinnerungen beinhaltet. Bereits spüre ich, wie sich so etwas wie ein Gefühl von Ruhe und Weite in mir breit macht.

Die letzte Nacht in der Zivilisation verbringe ich in einem Hotel noch einmal in einem richtigen Bett. Mit viel Vorfreude auf das Abenteuer aber auch etwas bangen Gedanken schlafe ich ein. Wird das Wetter mitspielen? Habe ich beim Packen trotz der detaillierten, vorbereiteten Liste auch wirklich an alles gedacht? Aus Erfahrung weiss ich aber, dass es so oder so klappen wird und ich unterwegs improvisieren kann.

Der Start am nächsten Tag ist immer aufregend. Ich empfange und versende die letzten paar Nachrichten und schalte das Telefon anschliessend aus. Der Empfang wird innerhalb kurzer Zeit sowieso abreissen und ich freue mich, die nächsten Tage offline zu verbringen. Beim Loslaufen ab der Bahn- oder Busstation sind die Gedanken noch laut und irren rastlos zwischen Vergangenem und Zukünftigem hin und her.

Mit dem Eintauchen in die nordischen Wälder und dem Rhythmus des Gehens auf Wegen wie z.B. den Kungsleden oder auch ganz abseits in der Wildnis beruhigen sie sich langsam. Der Kopf wird allmählich frei und lässt mir den Raum, um im Moment anzukommen und die Natur und meine Umgebung intensiver wahrzunehmen. Schon bald trinke ich einen ersten Schluck kaltes, klares Wasser aus einem Bach und erfreue mich ab dem feinen Geschmack und der Erfrischung.

Nach ein zwei Tagen verlasse ich meistens die Wälder und steige in das baumlose Hochfjäll auf. Die Kargheit der Region und die grossen Weiten helfen mir, ruhiger zu werden. Ich merke beim Gehen, wie ich langsam immer mehr Fotos «sehe» und Details und Motive wahrnehme, die vorher von den wirbelnden Gedanken ausgebremst wurden.

Die Kamera ist auf allen Wanderungen dabei und ich möchte nie ohne sie losziehen. Das zusätzliche Gewicht nehme ich gerne in Kauf. Die Bilder, die ich unterwegs mache, dokumentieren, wie es sich für mich anfühlt, über längere Zeit dort draussen zu sein. Mir reichen eine Kamera mit einer Festbrennweite und eine zweite Festbrennweite im Rucksack als Alternative und Reserve. Dazu kommen ausreichend Speicherkarten und genügend vollgeladene Batterien und eine grosse Powerbank zum Nachladen.

So findet meine gesamte Ausrüstung mit Zelt, Schlafsack, Kocher und Essen für bis zu 14 Tage im Rucksack Platz. Damit bin ich unabhängig und kann durch die Landschaft ziehen, wie es mir mein Bauch vorgibt und rechts und links von der grob geplanten Route abweichen. Nach ein, zwei Tagen unterwegs nimmt ein einfacher Tagesablauf Form an, während der zeitliche Verlauf von den Bedürfnissen wie Essen und Schlafen gesteuert wird; die Uhr selbst wird zur Nebensache. Die von vergangenen Touren bekannten Handgriffe für den Alltag (Kochen, Schlafplatz suchen/einrichten etc.) sind am Anfang noch etwas holprig, werden aber schnell wieder selbstverständlich und laufen bald von alleine ab.

Spätestens am dritten Tag bin ich auch mit dem Kopf angekommen und geniesse in vollen Zügen die Tage, auch wenn sie immer wieder anstrengend sein können. Nicht immer wandere ich unter blauem Himmel und Sonnenschein. Schlechtes Wetter gibt wunderbar stimmungsvolle Bilder, ist dafür manchmal mühsam, um einen geschützten Platz für die Mittagsrast zu finden und das Zelt aufzustellen. Steht es dann aber sicher, ist es dafür umso schöner ins Trockene zu verschwinden und in den warmen Schlafsack zu kriechen.

Meine Touren im skandinavischen Norden sind von einem Gefühl von grosser Ruhe geprägt. Relativ schnell fühle ich jeweils, wie sich die Mächtigkeit der Natur und die Stille (keine menschgemachten Geräusche) auf mich auswirken und wie meine Gedanken zur Ruhe kommen können. Dass ich dem Zwang, ständig online und erreichbar zu sein, gar nicht nachgeben kann, ist zwar am Anfang immer etwas komisch, wird aber schnell zum Genuss und fehlt mir auch nicht. Für den Notfall kann ich über ein GPS-Gerät mit Satellitenzugang Text-Nachrichten versenden (etwa, um bei einem Notfall Hilfe zu alarmieren) oder um von den paar wenigen Menschen, die diese Nummer haben, bei einem Notfall zu Hause erreicht zu werden. Ansonsten geniesse ich die Abgeschiedenheit und das Alleinsein, ohne mich einsam zu fühlen und komme dann erholt und ausgeglichen zurück in den Alltag nach Hause.

Möchten Sie Sandro Georgi auf einer seiner Touren in Schwedisch Lappland begleiten? Das Detailprogramm finden Sie hier.